Debatte, 10. August 2015

"Umverteilung auch von Macht notwendig"

Die Energiewende soll Deutschland klimafreundlich machen, doch das ist bisher nicht gelungen. Denn die Probleme sind tiefer im Wirtschaftssystem verankert. Degrowth zeigt Wege der notwendigen sozial-ökologischen Transformation.

Von Elena Hofferberth

An diesem Sonntag begann die Degrowth-Sommerschule im Rheinland. Knapp eine Woche lang werden hier die Zusammenhänge zwischen Degrowth und Klimagerechtigkeit sowie Konzepte für eine sozialere und ökologischere Wirtschaft diskutiert. Aber warum hier Wachstumskritik üben, wo Deutschland doch mit seiner Energiewende in Sachen Klimapolitik voranschreitet?

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Trotz aller vollmundigen Verpflichtungen und Ankündigungen zu Energiewende und Klimaschutz – die Wirtschaft macht weltweit im Wesentlichen so weiter wie bisher. (Foto: Takver/flickr.com)

Mit der "Energiewende" setzt Deutschland vor allem auf den Ausbau erneuerbarer Energien und steigende Effizienz. Der Anteil der Erneuerbaren wurde in den letzten Jahren durchaus gesteigert, vor allem beim Strom. Dort stieg er von weniger als fünf Prozent in den 1990ern auf nunmehr 28 Prozent. Die Energieeffizienz – sie misst den Energieeinsatz pro Einheit des Bruttoinlandsprodukts – legte seit 1990 um etwa 30 Prozent zu.

Woran sich diese Erfolge jedoch messen lassen müssen, sind ihre Auswirkungen auf die CO2-Emissionen. Bisher konnten diese, verglichen mit 1990, nur um 27 Prozent gesenkt werden, wobei noch ein ganzer Teil der Wiedervereinigung zuzurechnen ist. Es wird schwer sein, die anvisierten 40 Prozent bis 2020 zu erreichen. Seit 2010 verzeichnet Deutschland zudem – trotz des Ausbaus der Erneuerbaren – wieder steigende CO2-Emissionen. Der gleiche Trend zeigt sich bei den Pro-Kopf-Emissionen. Sie liegen mit 10,2 Tonnen über dem europäischen Durchschnitt und sind weit entfernt von den zwei Tonnen pro Kopf, die jede und jeder auf der Erde verursachen darf, um die drastischsten Auswirkungen des Klimawandels aufzuhalten.

Kohleverstromung verhindert, dass Deutschland seine Klimaziele erreicht

Was sind die Gründe für das Ausbleiben stärkerer Emissionsrückgänge? Der wichtigste Grund ist die zunehmende Kohleverstromung, die für etwa ein Drittel der deutschen Treibhausgasemissionen verantwortlich ist. Ohne ein klares Nein zur Kohle wird Deutschland seine Klimaziele nicht erreichen.

Gleichzeitig haben auch Erneuerbare und Effizienzsteigerungen selbst ihre Grenzen. Obwohl der Ausbau der Ökoenergien ein zentraler Schritt zur Reduktion der CO2-Emissionen ist, sind auch die erneuerbaren Energien nicht frei von ökologischen Folgen. Zwar sind die Konsequenzen weitaus weniger gravierend als bei konventionellen Kraftwerken, doch bedeuten auch sie einen Eingriff in die Umwelt und ihre Herstellung erfolgt nicht ohne Verbrauch wertvoller Ressourcen.

Nicht zuletzt hat der Hoffnungsträger Energieeffizienz mit einem fundamentalen Problem zu kämpfen. Große Teile der Verbrauchs-Einsparungen werden durch Rebound-Effekte zunichte gemacht. Erreichte Produktivitätssteigerungen führen dann nicht zum Rückgang im Verbrauch, sondern zum Teil sogar zu einer Mehrnachfrage. Es wird geschätzt, dass etwa die Hälfte aller Einsparungen durch verschiedene Rebound-Effekte aufgezehrt wird.

Dies verweist auf einen tiefer liegenden Zusammenhang. "Erst wenn das Volkseinkommen aufhört stetig weiter zu wachsen, können Effizienz- und Konsistenzstrategien einen uneingeschränkt positiven Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten und ihre technisch möglichen Einsparpotenziale realisieren", betont Tilman Santarius vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie in einem 2012 erschienenen Arbeitspapier.

Unendliches Wachstum in endlicher Welt nicht möglich

Mit den bisherigen Mitteln wird es nicht zu schaffen sein, den Klimawandel in einem auch nur annähernd kontrollierbaren Bereich zu halten. Denn die Gründe für einen steigenden Energieverbrauch sind tiefer in unserem Wirtschaftssystem verankert.

Theoretisch ist es unstrittig, aber praktisch kaum berücksichtigt: In einer endlichen Welt kann es kein unendliches Wachstum geben. Dennoch ist das Streben nach Wachstum ein Grundfpeiler der Wirtschaftspolitik in den meisten Staaten, auch in Deutschland. Wachstum gilt als Garant für Arbeitsplätze und Stabilität, obwohl die Realität oft anders aussieht. Tatsächlich ist Wachstum unabdingbar, um einen immer größeren Mehrwert zu erwirtschaften. Es sind das Streben nach Profit und Profitsteigerung und die Konkurrenz zwischen den Wirtschaftenden, die Wachstum zwingend notwendig machen. Gleichzeitig wird propagiert, dass Wohlstand genau davon abhängt: von mehr materiellem Besitz und Vermögen.

Umdenken bei Konsum und Produktion

Es muss also ein Umdenken bei unseren Konsum- und Produktionsmustern geben. "Degrowth" beschreibt hierfür Visionen und konkrete Angriffspunkte. Gemeinschaftsgärten und Projekte solidarischer Landwirtschaft zeigen, wie Nahrungsmittel ökologisch und gemeinschaftlich angebaut werden können, ohne in einen Wachstumszwang zu geraten. Tauschnetzwerke und Repair-Cafés führen zu längerer Nutzung von Gütern und reduzieren dadurch den Ressourcenverbrauch. Auch Unternehmen widersetzen sich erfolgreich dem Diktat des Immer-Mehr.

Gleichzeitig muss sich auf politischer und (makro-)ökonomischer Ebene ein Wandel vollziehen. Eine Stärkung von Sektoren mit hohem gesellschaftlichen Nutzen und niedrigem Ressourcenverbrauch, zum Beispiel in Gesundheit und Bildung, ist ein wichtiger Schritt. Arbeitszeitverkürzungen können zu einer gerechteren Verteilung von Arbeit beitragen und sind damit, anders als als weiteres Wachstum, eine faire und ökologische Antwort auf Produktivitätssteigerungen. Steuern und Subventionen können so gestaltet werden, dass sie hohen Naturverbrauch bestrafen und soziale Ungleichheit abbauen. Eine Umverteilung nicht nur von Arbeit, Einkommen und Vermögen, sondern auch von Macht ist Voraussetzung für eine andere Wirtschaft.

Die aufgeführten Beispiele sind erste Schritte, die Freiräume öffnen können. Freiräume, die nötig sind, um die selbstverständlich scheinenden Mechanismen unseres Wirtschaftssystems sowie bestehende Herrschaftsverhältnisse herauszufordern – und somit den Übergang zu einer sozialen, ökologischen und demokratischen Wirtschaft zu gestalten.

Die Autorin

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Die Entwicklungsökonomin Elena Hofferberth arbeitet beim Konzeptwerk Neue Ökonomie in Leipzig und koordiniert dort zurzeit das Programm der Sommerschule "Degrowth konkret: Klimagerechtigkeit"

 

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