Debatte, 20. August 2015

"Der Kampf ums Klima braucht einen langen Atem"

Wie geht es weiter nach der erfolgreichsten Anti-Braunkohle-Aktion der deutschen Klimabewegung? Wir müssen mehr gesellschaftlich relevante Themen aufgreifen, Widerstandsstrukturen entwickeln und uns vom Alles-oder-nichts-Denken der Klimagipfel lösen.

Von Kathrin Henneberger, Klimaaktivistin

Am frühen Nachmittag des 15. August bricht ein Regenschauer über die "Ende Gelände"-Demo in Immerath herein. Das ist eines der Dörfer im Rheinischen Braunkohlerevier, die abgebaggert werden sollen. Martin Weis, Pressesprecher von "Ende Gelände", steht auf der Bühne und berichtet den 800 Demonstranten von der aktuellen Situation im Tagebau: 1.500 Menschen hatten sich morgens um sieben Uhr vom Klimacamp aus aufgemacht. In unterschiedlichen "Fingern", man könnte auch sagen: Aktionsgruppen, von jeweils einigen Hundert Aktivisten hatten sie Polizeiketten durchflossen und gelangten so auf das Gelände des Braunkohletagebaus Garzweiler.

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Bei der Protestaktion "Ende Gelände" am 15. August versuchten Polizisten Klimaaktivisten zum Teil mit Gewalt von der Besetzung des Tagebaus Garzweiler im Rheinland abzuhalten. (Foto: Eva Mahnke)

Das Aktionskonzept von Ende Gelände ist aufgegangen und langsam löst sich bei Martin die Anspannung, während die Menge jubelt und dicke Regentropfen von seinem Gesicht abperlen. Langsam beginnen die Organisatoren und die Aktivisten von "Ende Gelände" zu begreifen, dass sie gerade die erfolgreichste Aktion des zivilen Ungehorsams in der Geschichte der deutschen Klimabewegung durchgeführt haben.

"Was bedeutet der Erfolg für die deutsche Klimabewegung? Wie geht’s jetzt weiter?", fragt mich am Abend eine dänische Journalistin "off the record", und ich muss erst einen Augenblick überlegen, bringe schließlich nur eine Phrase hervor: "Wir müssen eine gute Strategie erarbeiten, damit der Protest nach der UN-Klimakonferenz im Dezember in Paris nicht wieder frustriert abflaut."

Angst vor einem neuen "Kopenhagen"

Sie versteht aber, was ich meine – auch sie erinnert sich an "Kopenhagen". An die große Demonstration von über hunderttausend Menschen, an die Hoffnungen, ein neues starkes Klimaschutzabkommen mit Druck von der Straße zu erzwingen – und an den Absturz, an die Hilfslosigkeit und Wut, die auf den Misserfolg folgten.

"Wie machen wir jetzt weiter in unserem Kampf gegen Klimawandel, Kohle und Kapitalismus?", steht zwei Tage später in einer Einladungsmail für ein Auswertungstreffen in Berlin. Die Debatte hat nun auch in der Bewegung begonnen. Und eine Antwort steckt schon in der Frage drin: Es muss uns darum gehen, den Klimawandel mit anderen Themen des gesellschaftlichen Diskurses zu verknüpfen.

Mit der Wachstumsfrage zum Beispiel. Unendliches wirtschaftliches Wachstum und die Ausbeutung der fossilen Ressourcen bis zum letzten Tropfen oder Brocken werden die schlimmsten Szenarien des Weltklimarats wahr werden lassen. Die Degrowth-Sommerschule dieses Jahr mit dem Klimacamp zu verbinden war deshalb ein wichtiger – und genialer – Schachzug der Organisatoren. Wir brauchen mehr solcher Kooperationen!

"Das Gute ist, dass die Mehrheit der Ende-Gelände-Aktivisten keine falschen Illusionen mehr hat, die UN-Klimakonferenzen würden es schon richten. Sie spielen im lokalen Kampf gegen die Braunkohle praktisch keine Rolle", beruhigt mich ein alter Freund und erfahrener Aktivist, der zufällig mein kurzes Gespräch mit der dänischen Journalistin mitangehört hatte. "Klimaschutz ist Handarbeit. Never trust a COP!", fügt er noch augenzwinkernd hinzu, als ich leise beginne "Die Konferenzen sind trotzdem verdammt wichtig" zu grummeln.

Klimakonferenzen sind wichtig und unwichtig

Es ist ein Dilemma: Dass die UN-Klimakonferenzen das Klima retten werden, glaube ich nicht (mehr). Gleichzeitig sind diese Gipfel als Podium für die kleinen Inselstaaten, für indigene Gruppen und Entwicklungsländer wichtig – und vor allem will ich die Überzeugungsarbeit dort nicht den Industrielobbyisten überlassen.

Als Antwort auf dieses Dilemma fällt mir die Diskussion über eben jenes Thema auf der "Kampf ums Klima"-Konferenz vom April ein. Nach Paris zu fahren sei wichtig, weil wir die lokalen Energie- und Klimakämpfe global vernetzen müssen, hatte ein Aktivist aus England auf einem Podium gesagt. Solange es keine Einigung auf den UN-Klimakonferenzen gibt, seien es eben jene regionalen und nationalen Bewegungen, die eine Dekarbonisierung vorantreiben.

Umwelt-NGOs müssen weiterhin auf den UN-Klimakonferenzen vertreten sein, die Konferenzen sind und bleiben wichtig – aber die Klimakonferenz in Paris sollte nicht (wie Avaaz es bereits versuchte) als "Die entscheidende Konferenz" gelabelt werden. Das ist unrealistisch und die falsche Strategie! Genauso wie lapidare Demo-Mottos à la "Mal schnell die Welt retten". Der Kampf ums Klima braucht einen langen Atem und Paris ist nicht mehr und nicht weniger als ein wichtiger Meilenstein.

Ja, wir brauchen wieder eine Demo mit hunderttausenden Menschen, die laut "Climate Justice Now!" ruft. Aber für einen Fortschritt auf internationaler Ebene brauchen wir auch dringend in Deutschland eine starke, unzermürbbare Anti-Kohle- und Klimaschutzbewegung, die – wie die Anti-Atom-Bewegung – einen Ausstieg aus der Braunkohle und der Import-Steinkohle durchkämpft. Mit dem einem Unterschied, das wir es schneller schaffen müssen.

Ein neues Wendland ist gar nicht nötig

"Garzweiler ist das neue Wendland", schreibt denn auch die Süddeutsche Zeitung in einem fast begeisterten Tonfall über die Geschehnisse im Rheinland.

Die Bilder, das Feeling auf dem Klimacamp und während der Ende-Gelände-Aktion erinnerten auch mich an die früheren Proteste gegen die Castortransporte. Der Kampf für einen Ausstieg aus der Braunkohle könnte nun in die großen Fußstapfen treten, zu einem alljährlichen "Pflichttermin" und einem weiteren wichtigen Meilenstein der Bewegung werden.

Zu glauben, im Rheinland würden nun ähnlich starke Widerstandsstrukturen entstehen wie damals im Wendland, wäre aber ein Fehler. Sie sind auch nicht zwingend notwendig. Die Bewegung darf gerne beweglich bleiben und das nächste Mal die Kohlebagger in der Lausitz stilllegen oder aber einem Steinkohlekraftwerk einen Besuch abstatten.

Zusammengefasst: Wenn wir es also schaffen, a) themenübergreifend zu denken, b) uns bei den UN-Klimakonferenzen vom Alles-oder-nichts-Denken zu lösen und c) Protesttraditionen zu etablieren – dann haben wir eine gute Grundlage dafür, eine Klimabewegung entstehen zu lassen, die "den fossilen Ausstieg jetzt selbst in die Hand" nimmt, wie Martin Weis von "Ende Gelände" es ausgedrückt hat. Die Zeit sei gekommen, sich auch mit massenhaftem zivilen Ungehorsam für den Klimaschutz einzusetzen.

Die Autorin

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Die Geografin Kathrin Henneberger begleitet seit zehn Jahren die UN-Klimakonferenzen und schreibt im Blog "Kampf ums Klima" über die Klimabewegung. Im August 2015 hat sie bei der Anti-Kohle-Aktion "Ende Gelände" im RWE-Tagebau Garzweiler mitgeholfen.