News, 11. Juni 2015

Anpassung: Das Stiefkind der Klimadiplomatie

Die Anpassung an die Folgen des Klimawandels ist bisher ein nationales Problem. Die Länder, die vom Klimawandel besonders stark betroffen sein werden, wollen damit aber nicht weiter alleingelassen werden. Im Gespräch ist ein globales Anpassungsziel im neuen Weltklimavertrag. Doch sobald Geld ins Spiel kommt, werden die Verhandlungen holprig.

Aus Bonn Susanne Schwarz

Die Malediven erscheinen wie ein traumhaftes Urlaubsparadies: Palmen, Sandstrand, Luxushotels. Rund 800.000 Touristen besuchen die mehr als tausend Inseln im Indischen Ozean jährlich – und verlassen sie nach Tagen oder Wochen wieder. Es bleiben die knapp 330.000 Malediver. Das Entwicklungsland hat schwerwiegende Probleme: Neben der Armut und der international kritisierten Menschenrechtslage ist der islamische Inselstaat massiv vom menschengemachten Klimawandel bedroht. Ohne Berge oder auch nur Hügel liegt der höchste Punkt der Malediven nur 2,4 Meter über dem Meeresspiegel. Auch wenn dieser nur leicht ansteigen sollte, weil die Welt effektiv Klimaschutz betreibt – ein Teil der Malediven wird untergehen.

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Die "Adaptation Group" des Climate Action Network, eines Netzwerks von Nichtregierungsorganisationen, macht mit einer Protestaktion im Konferenzzentrum auf die Verletzlichkeit von Inselstaaten und Entwicklungsländern aufmerksam. (Foto: Kathrin Henneberger)

Die Inselgruppe muss sich anpassen. Doch das ist momentan noch ihr ureigenes Problem. Bei der Emissionsminderung hingegen arbeitet die Weltgemeinschaft zusammen – jedes Land soll für den entstehenden Weltklimavertrag sein Klimaziel abgeben und begründen, warum das Ziel unter seinen gegebenen Bedingungen angemessen und gerecht ist. Für die Anpassung an die Folgen des Klimawandels ist hingegen jeder Staat selbst zuständig. Einen eigenen Verhandlungsprozess gibt es dafür auf den internationalen Klimaverhandlungen nicht, bestenfalls mal ein sogenanntes "Side Event", eine kleine Diskussionsveranstaltung am Rande des großen Gipfels.

Das wollen die Malediven zusammen mit anderen kleinen Inselstaaten und weiteren Entwicklungsländern ändern. Auf Klimakonferenzen wie derzeit in Bonn tritt die "Alliance of Small Island States" (Allianz der kleinen Inselstaaten), kurz AOSIS, gemeinsam auf. "Alle Schlüsselelemente des globalen Klimaschutzes müssen im 'Paris-Protokoll' gleichmäßig behandelt werden, also die Emissionsminderung, die Klimafinanzierung, die Hilfe zur Selbsthilfe für bedrohte Staaten, Technologie und auch die Anpassung", sagte Thoriq Ibrahim, der maledivische Umweltminister und Vorstand von AOSIS, während der Bonner Gespräche.

Ein Anpassungsziel zusätzlich zum Reduktionsziel

Die Idee: Ein globales Anpassungsziel im neuen Weltklimavertrag, der im Dezember in Paris verabschiedet werden soll. Angestoßen haben das die afrikanischen Länder. In den Hauptzielen, die über dem detaillierten Text stehen werden, soll – so das Anliegen – auch die Klimaanpassung auftauchen. So einfach wie bei der Emissionsminderung lässt sich ein solches Ziel nicht darstellen. Soundso viel weniger CO2, ein globaler Temperaturanstieg von 1,5 oder zwei Grad – klar. Weltweit soundso viele neue Deiche, Umsiedlungen, Extremwetter-Warnsysteme? Das funktioniert nicht, schließlich muss die Anpassung ja passgenau vor Ort umgesetzt werden.

"Denkbar ist ein qualitatives Ziel", erklärt Sven Harmeling, Klimaexperte bei der Entwicklungsorganisation Care. "Das könnte zum Beispiel lauten: Wir wollen alle Gemeinschaften belastbar gegenüber dem Klimawandel machen." Keine Zahlen, keine Verpflichtungen. Stattdessen würde es bedeuten: Die Weltgemeinschaft übernimmt gemeinsam die Verantwortung für die Anpassung an den Klimawandel. "Solch ein Ziel würde symbolisieren, dass kein Land mit seiner Anpassung alleingelassen werden kann", meint Harmeling.

Diskutiert wird allerdings auch eine ehrgeizigere Version: "Ein starkes Ziel wäre es, wenn die Absichtsbekundung zu mehr Anpassung verknüpft wäre mit der Zusage finanzieller Unterstützung von den Industriestaaten, selbst wenn keine konkrete Ziffer genannt wird", sagt Harmeling. Es ist wie in nahezu jeder klimadiplomatischen Debatte: Immer schwingt die Frage darüber mit, ob die Industrieländer durch ihre vielen CO2-Emissionen seit der Industrialisierung eine historische Schuld für den Klimawandel tragen. Diese müssten die Industrieländer natürlich gegenüber den Entwicklungsländern begleichen. Doch das, so fürchten die Industrieländer, könnte richtig teuer werden. Ein Anpassungsziel ohne eine spezielle Verpflichtung der Industrieländer wäre also einfacher zu erreichen, auch wenn es schwächer wäre.

In Bonn wird allerdings noch nicht darüber entschieden, welche der Optionen es tatsächlich ins Weltklimaabkommen schafft – oder ob es überhaupt ein globales Anpassungsziel geben wird. Hier werden die zahlreichen Länderwünsche erst einmal so weit wie möglich von Dopplungen befreit und geordnet, sodass die Verhandler im Dezember in Paris eine übersichtliche Entscheidungsgrundlage auf dem Tisch haben.

Anpassen – woran genau?

Sie müssen auch über weitere Details entscheiden, etwa inwiefern die globale Erwärmung in das Paris-Ziel einbezogen wird. An wie viel Temperatursteigerung sollen sich die Länder anpassen? Gilt das Ziel, auf das sich die Politiker in Paris einigen – also zwei oder gar 1,5 Grad – selbst wenn noch lange nicht klar ist, ob es auch tatsächlich erreicht wird?

"Wichtig ist vor allem, dass der Anpassung mehr Aufmerksamkeit zukommt", meint Sven Harmeling. "Wir müssen regelmäßig überprüfen, ob wir bei unserer Anpassung mit den zunehmenden Folgen des Klimawandels Schritt halten", so der Klimaexperte. Das hätte, ist sich Harmeling sicher, auch für die Industrieländer Vorteile, da durch bessere Dokumentation alle Länder voneinander lernen könnten.

UN-Klimachefin Christiana Figueres glaubt jedenfalls daran, dass es in Sachen Anpassung bald vorangehen wird. "Es kann keinen Zweifel geben, dass wir bei der Anpassung längst nicht da sind, wo wir sein sollten", sagt sie. "Die Länder sind sich dessen bewusst und werden das Thema bis Paris auf einen Rang mit der Emissionsminderung heben." Die beiden Themen seien schließlich nicht voneinander zutrennen. "Je länger wir mit der Reduktion warten, desto mehr müssen wir in die Anpassung investieren – bis zu dem Punkt, an dem die finanziellen und humanitären Schäden unkontrollierbar werden."

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Kunstaktion: Die blaue Linie zeigt, wie hoch der Meeresspiegel an den Küsten steigen könnte. (Foto: Martin Jehnichen/UBA)

Einige Schritte seien auch schon geschafft. Beispielsweise sei schon klar, dass die Hälfte der Mittel aus dem Grünen Klimafonds in die Anpassung fließen wird, meint Figueres. Der Fonds ist bisher allerdings nur mit rund zehn Milliarden US-Dollar gefüllt. Er ist das Hauptinstrument der Finanzierung, die die Industrieländer versprochen haben, um den Entwicklungsländern bei Klimaschutz und Anpassung zu helfen. Alles in allem sollen es ab 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar werden, öffentliche und private Mittel zusammengenommen. Laut Weltbank liegt die Zielmarke aber noch in weiter Ferne. Auf dem Tisch liegen derzeit insgesamt nur rund 30 Milliarden US-Dollar.

 

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