News, 16. Oktober 2015

Auf der Suche nach den fairen zwei Dritteln

Der Kampf gegen den Klimawandel kann nur gewonnen werden, wenn alle Länder dazu beitragen. Doch wer leistet einen "fairen Beitrag" und wer ist Trittbrettfahrer? Ein Vergleich der nationalen Klimapläne ist schwierig. Jedes Land benutzt sein eigenes Berechnungsmodell.

Eine Analyse von Christian Mihatsch

Im Dezember soll in Paris ein neuer Weltklimavertrag ausgehandelt werden. Ein Kernstück werden die Klimapläne der Länder sein. Diese Selbstverpflichtungen – in der Klimadiplomatensprache INDCs genannt – sind freiwillig und unverbindlich. 149 Länder haben mittlerweile solche Ziele vorgelegt, zusammen sind sie für fast 90 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich. Zum Vergleich: Derzeit verpflichtet das Kyoto-Protokoll 35 Länder zu Emissionsreduktionen, die für 14 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich sind.

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Entwaldung – wie hier im Amazonasgebiet – gehört zu den größten Emissionsquellen weltweit. (Foto:
Luoman/​istockphoto.com/Global Carbon Budget)

Für EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete sind die Selbstverpflichtungen daher bereits ein erster Erfolg: "Das ist eine riesige Veränderung – vom Handeln der Wenigen zum Handeln von allen." Diese Veränderung bemerkt auch das Klima: Dank der INDCs wird die Klimaerwärmung im Jahr 2100 ein Grad geringer ausfallen. Der Climate Action Tracker, eine Initiative mehrerer Forschungsinstitute, erwartet nun eine Erwärmung um 2,7 statt um 3,6 Grad. Die Selbstverpflichtungen sind also ein Fortschritt, reichen aber nicht aus, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen.

Betrachtet man die einzelnen INDCs, stößt man auf eine Vielzahl unterschiedlicher Berechnungsmethoden. Die EU will bis 2030 ihre Emissionen um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 senken. Die USA wollen bis 2025 ihre Emissionen um 26 bis 28 Prozent im Vergleich zu 2005 vermindern. China verspricht, dass die Emissionen spätestens im Jahr 2030 ihren Höhepunkt überschritten haben. Indien hat nur ein relatives Emissionsziel im Verhältnis zum Wirtschaftswachstum.

Nur einige Entwicklungsländer haben ausreichende Klimaziele

Die Frage ist: Leisten diese Länder damit ihren "fairen Beitrag" zur globalen Klimaschutzanstrengung?

Aus Sicht der Analysten vom Climate Action Tracker sind diese Pläne nur "mittelmäßig", weil dann andere Länder deutlich mehr tun müssten, damit das Zwei-Grad-Limit nicht gerissen wird. Genauer: Der Rest der Welt müsste seine Emissionen auf Null drücken, wenn die vier Großemittenten China, USA, EU und Indien ihre Emissionen nicht stärker senken, wie der Klimawissenschaftler Glen Peters ausgerechnet hat.

"Ausreichende" Klimapläne haben überhaupt nur drei Länder vorgelegt: Costa Rica, Äthiopien und Marokko. Mit dem Titel "Vorbild" kann sich gar nur ein Land schmücken: Bhutan. Der Climate Action Tracker benutzt für diese Bewertung die historischen Emissionen eines Landes, seine Fähigkeit die Emissionen zu senken und Fairness im Vergleich zu den Anstrengungen der anderen Länder.

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Die Energiewirtschaft wird sauberer werden müssen, egal wie man rechnet. (Foto:
Martin Muranski/Shutterstock/Global Carbon Budget)

Einen anderen Ansatz benutzt die Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers (PwC). Sie hat berechnet, um wie viel die CO2-Intensität der Weltwirtschaft verbessert werden muss, damit das Zwei-Grad-Ziel erreicht wird. Ausgangspunkt ist das noch verbliebene globale "CO2-Budget" von rund tausend Milliarden Tonnen und das erwartete Wachstum der Weltwirtschaft. Um das Budget nicht zu sprengen, müssen demnach die Emissionen im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung jedes Jahr um 6,3 Prozent sinken.

Am Bruttoinlandsprodukt gemessen zeigt sich ein anderes Bild

Letztes Jahr hat die Welt 306 Tonnen CO2 pro eine Million BIP-Dollar emittiert. Bis zum Jahr 2030 muss dieser Wert um knapp zwei Drittel sinken. Die vorliegenden Selbstverpflichtungen sind dazu ein erster Schritt: Seit dem Jahr 2000 ist die CO2-Intensität der Weltwirtschaft jedes Jahr um 1,3 Prozent gefallen. Mit den neuen Klimaplänen verdoppelt sich diese Rate auf rund drei Prozent.

Mit der PwC-Methodik lassen sich auch die Klimapläne der einzelnen Länder vergleichen. Am ehrgeizigsten ist hier Südafrika. Das Land strebt eine Reduktion der CO2-Intensität seiner Wirtschaft um 4,5 Prozent pro Jahr an. Schlusslicht der untersuchten Länder ist Russland. Dort soll die CO2-Intensität um nur 0,6 Prozent pro Jahr verbessert werden. Die EU ist bei PwC Drittletzter: Sie strebt eine Reduktion der Emissionen im Verhältnis zum BIP von jährlich 2,1 Prozent an.

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Veränderung der CO2-Intensität gegenüber den nationalen Selbstverpflichtungen. (Quelle: PwC)

Im Gegensatz zu Südafrika erreicht die EU im Jahr 2030 damit allerdings die Zielmarke von gut 100 Tonnen CO2 pro eine Million BIP-Dollar. Grund ist der sehr unterschiedliche Ausgangspunkt: Derzeit werden in Südafrika 612 Tonnen und in der EU 187 Tonnen CO2 pro eine Million BIP-Dollar emittiert. Ein Grund dafür ist die unterschiedliche Wirtschaftsstruktur: In der EU haben klimafreundliche Dienstleistungen einen hohen Anteil am BIP, während Südafrika sein Geld mit Bergbau verdient.

Noch nie hat ein Land so stark reduziert, wie es jetzt nötig ist

Letztlich beantworten daher auch die PwC-Zahlen nicht abschließend die Frage, welches Land den ehrgeizigsten Klimaplan hat. Die Zahlen weisen aber auf ein sehr viel größeres Problem hin: Kein Land der Welt hat jemals seine CO2-Intensität über einen längeren Zeitraum um mehr als sechs Prozent pro Jahr verbessert. Letztes Jahr ist das sechs Ländern gelungen: Großbritannien, Frankreich, Italien, Deutschland und China, ebenso der EU als Ganzes. Ein Grund dafür war der milde Winter. Doch diese Rate müssen die Länder nun über Jahrzehnte beibehalten, auch wenn der Winter streng ist.

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